Seliges Sterben - zum Tod von Elisabeth Groß

Seliges Sterben - zum Tod von Elisabeth Groß


Am 9. November 2016 ist unser Vereinsmitglied Elisabeth Groß gegen Mittag von uns gegangen. Sanft und selig.

Die Gedenkfeier findet am Freitag, 18. November 2016, um 19.30 in St. Martin statt. Im Anschluss lädt die Familie mit einem Imbiss zu Gesprächen und Begegnungen ein.

 


Elisabeth Gross war die „Alterspräsidentin“ von St. Martin. Am 19. November wäre sie 90 geworden - unsere große Beterin, Meditiererin und zutiefst ökumenische Christin. Verwurzelt in ihrer katholischen Kirche und zugleich von Anfang an bei uns in St. Martin, das für sie ein Zukunftslabor der Kirche war. Aktiv im Team der Martinsmesse mit ihrer Weisheit, ihren wunderbaren Gedanken.


Als junge Frau hatte sie zum Mädchenkreis um Pater Alfred Delp, den Jesuiten und Widerstandskämpfer, gehört, den die Nazis ermordet haben. Als junge Frau verbrachte sie ein Jahr in den USA und war damals begeistert, wie offen sie als junge Deutsche aufgenommen wurde.
Sie war Ehefrau und Hausfrau, ein wenig wider Willen - aber das war der Zug der Zeit damals. Sie war Mutter und irgendwann Großmutter und kümmerte sich um Menschen in Not, gerade auch um schwierige.
Sie war eine große Leserin. Der jüdische Kabbala-Spezialist Friedrich Weinreb, der katholische Religionsphilosoph Eugen Biser, immer wieder Delp und Bonhoeffer waren einige ihrer Wegbegleiter.


Das kontemplative Jesusgebet, das in der Wiederholung des Jesusnamens im Atemrhythmus besteht, hatte sie  sehr lange geübt. Täglich meditierte sie. Vor einigen Jahren änderte sie plötzlich den Text des Gebetes. An die Stelle von „Jesus Christus“ trat „Jeschua Om“: Jeschua, der jüdische Name Jesu und ihre Verbeugung vor den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens. Und das kosmische Mantra Om für die konfessions- und religionssprengende Kraft der Anrufung des universalen Gottes.


Bis zum Schluss ging sie regelmäßig in die Schreibwerkstatt, wo entzückende literarische Miniaturen entstanden. Bis ins hohe Alter eine jugendliche, strahlende Gestalt, dezent geschminkt, gerne mit farbenfrohen, luftigen Gewändern angetan.


Oft war sie im Krankenhaus in den letzten Jahren. Oft dachte sie, dachten wir, dass es zu Ende ginge. Aber Elisabeth erwies sich als Stehauf-Frauchen, immer wieder. Vor einigen Wochen dann ein Sturz auf dem Weg in die Schreibwerkstatt. Oberschenkelhalsbruch. Klinik, Reha, Heimkehr. Und die wachsende Gewissheit, dass sie den 90. Geburtstag knapp verfehlen könnte.


Abendmahl hatten Maike Schmauß und ich bereits in der Klinik mit ihr gefeiert. Und sie gesalbt. Und ihre Trauerfeier besprochen mit ihr. Alles in großer Heiterkeit und Gelassenheit. Eine kostbare Zusammenkunft. Am 8. 11., einen Tag vor ihrem Tod, habe ich sie zusammen mit Ulrike Flemming ein letztes Mal besucht. Nachdem sie tagelang kaum noch gesprochen hatte, öffnete sie gestern strahlend die Augen. Sie sagte, wie reich beschenkt sie sei. Wir sangen „Meine Hoffnung und meine Freude“ und sie sang kräftig mit. Und empfing den Reisesegen für den letzten irdischen Weg. Als wir nach einer Stunde gingen, da stellte sie endgültig das Reden ein.
Außer heute morgen. Da fragte ihre Tochter: „Magst du jetzt sterben?“ - Und da kam wohl die eher schlitzohrige Antwort: "Nö!" Auch das passte zu ihr. Gegen Mittag starb sie, kurz bevor Maike Schmauß kam, um sich zu verabschieden.
Den Tod hatte sie nicht gefürchtet. Sie war schon lange bereit zu gehen. Und neugierig auf das, was danach kommt.
Sie wird uns fehlen. Ich habe ihr unendlich viel zu verdanken. In schweren Zeiten in St. Martin hat sie mir den Rücken gestärkt. Ihr seliges Sterben in strahlender Freude und Hingabe ermutigt mich, dem eigenen Tod gelassener entgegen zu sehen. Danke Elisabeth! Und Danke Gott für dein wunderbares Menschenleben!

Andreas Ebert