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Ansprache zum Seminar "Familienverstrickungen lösen auf christlicher Basis"

Am 15./16.07.11 fand in St. Martin das Seminar "Familienverstrickungen lösen auf christlicher Basis" mit Andreas Ebert und Niklas Tartler statt. Andreas Ebert hielt zur Einführung in das Thema eine Ansprache, die Sie hier lesen oder als PDF herunterladen können:

Ansprache von Andreas Ebert zum Seminar „Familienverstrickungen lösen auf christlicher Basis“ am 15./16.07.11 im Spirituellen Zentrum St. Martin 

Nicht erst die moderne systemische Familientherapie hat herausgefunden, dass Schuld und Verstrickungen im Familiensystem über Generationen fortwirken können, wenn sie nicht aufgelöst, geheilt und versöhnt werden. Ebenso wirkt der Segen, der auf einer Familie liegt, über die Generationen hinfort.

In den Zehn Geboten der hebräischen Bibel, die in 2. Mose 20 und 5. Mose 5 überliefert werden, wird das Verbot von Götterbildern ergänzt durch folgenden Hinweis: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis in die dritte und vierte Generation an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten." Dahinter steckt die Erfahrung, dass die Abkehr von Gott, der Quelle des Lebens, Spätfolgen hat - ebenso wie die Gottesliebe. Während der Gotteshass und der Götzendienst drei bis vier Generationen nachwirken, reicht der Segen sogar viel weiter.

Ein hebräisches Sprichwort lautete: "Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden". Auch dahinter steckt die Erfahrung des Generationenfluchs. Gegen diesen Fluch protestieren bereits in der Zeit des Alten Bundes die Propheten Jeremias und Hesekiel. Sie prophezeien die Erlösung aus dieser Verstrickung als Zeichen des messianischen Zeitalters.

Bei Jeremia 31 heißt es: "Ich will die Müden erquicken und die Verschmachtenden sättigen … Es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich das Haus Israel und das Haus Juda besäen will mit Menschen und mit Vieh … Dann wird man nicht mehr sagen: 'Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden', sondern ein jeder wird um seiner Schuld willen sterben, und wer saure Trauben gegessen hat, dem sollen seine Zähne stumpf werden. Siehe, es kommt die Zeit, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein."

Ähnlich bei Hesekiel 18: "Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: 'Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden'? So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne … Wenn einer gerecht ist und Recht und Gerechtigkeit übt, … das ist ein Gerechter, der soll das Leben behalten, spricht Gott der HERR … Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugute kommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen."

Die Erlösung aus der Generationenschuld bedeutet freilich auch schon für die Propheten, dass jeder Mensch für das eigene Leben Verantwortung trägt und sie nicht mehr auf seine Vorfahren abwälzen kann. Versöhnung gebiert Selbstverantwortung. Das ist aber erst möglich, wenn die Knoten der Familienverstrickungen gelöst sind, sodass der Segen wieder frei fließen kann.

Jesus hat seinen Jüngern verheißen (Matthäus 18, 18): "Alles, was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein." Auf diese Verheißung und auf diesen Auftrag berufen wir uns, wenn wir gemeinsam an diesem Wochenende versuchen, die Verstrickungen unseres Familiensystems aufzuspüren um sie vor Gott zu bringen und von Gott erlösen und wandeln zu lassen.

Der anglikanische Arzt Kenneth McAll hat schon vor drei Jahrzehnten und lange vor Bert Hellingers Familienaufstellungen ein Buch veröffentlicht, das auf Englisch "Healing the Family Tree" heißt und auf Deutsch unter dem Titel "Familienschuld und Heilung" erschienen ist. Darin schildert er, wie er während seiner Tätigkeit als Missionsarzt eine Entdeckung gemacht hat: Immer wieder sind ihm Menschen begegnet, die unter unerklärlichen Depressionen litten, die selbstmordgefährdet waren oder von allerlei psychosomatischen Krankheiten heimgesucht wurden. In ihrer eigenen Biographie, aber auch in der Analyse ihrer Elternbeziehung und Kindheit fanden sich keine Anhaltspunkte für die Ursache dieser Störungen. MacAll begann, das größere Familiensystem anzusehen, also bis in die dritte und vierte Generation zurückzugehen. Dabei stieß er auf Brüche und Verstrickungen, die offenbar das ganze System beeinflussten. Zunächst waren da häufig Familienmitglieder, die ausgegrenzt wurden, über die man nicht sprach, deren Leben tabuisiert wurde. Das konnte viele Ursachen haben: Sie hatten uneheliche Kinder gezeugt, Selbstmord begangen oder waren in Gewalttaten verwickelt. Als er weiterforschte stieß er auf weitere belastende Indikatoren: Abtreibung, Missbrauch, Gottesfeindschaft. Auch fiel ihm auf, dass es bei solchen Patienten manchmal Familienmitglieder gab, die aus irgendwelchen Gründen nicht christlich bestattet worden waren. Es wuchs bei ihm der Eindruck, dass unvergebene Schuld im System ausstrahlt - ebenso wie Gottesliebe und Segen. Also genau das, was bereits im Alten Testament festgestellt wird.

Seine spirituell-therapeutische Idee war so einfach wie wirkungsvoll: Er war zwar Anglikaner, erinnerte sich aber an die katholische Tradition der "Seelenmessen" für Verstorbene. Er begann mit befreundeten Priestern und betroffenen Patienten für die Verstorbenen zu beten, und zwar im Rahmen von Abendmahlgottesdiensten. Denn das Abendmahl ist der Ort, wo sich Himmel und Erde sichtbar verbinden. Am Tisch Gottes sind Gott und Mensch, Lebende und Tote vereint. Er begann auch, in diesem Setting, für ungesühnte Schuld und nicht vergebene Sünden im Ahnensystem zu beten. Das Ergebnis war beeindruckend. Es kam zur Heilung vieler Störungen, und zwar nicht nur bei den anwesenden Patienten, sondern in deren gesamtem Familiensystem - selbst bei Mitgliedern der Familie, die nicht von diesen Gottesdiensten wussten. Systeme ordneten sich neu, Konflikte wurden gelöst, die Liebe konnte wieder freier fließen.

Kurz nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, wurde mir klar, dass auch in meinem System viel Unheil war. Eine Erbkrankheit hat in meiner väterlichen Linie über Generationen gewütet. Mein Großvater wurde wegen der Krankheit (Chorea Huntington) im Rahmen der "Vernichtung unwerten Lebens" von den Nazis ermordet. Mein Vater und vier seiner fünf Geschwister waren ihr zum Opfer gefallen, ebenso mindestens ein Cousin. Als ich von meinem Freund Dietrich Koller und seiner Frau Lucia vor über 20 Jahren besucht wurde, bat ich sie, mit mir einen Gottesdienst für meine Ahnen zu feiern. In meinem Schlafzimmer knieten wir am Boden, eine Kerze brannte, Brot und Wein standen bereit. Dietrich konsekrierte Brot und Wein. Wir sprachen die Namen der Toten aus. Eine unglaublich tiefe Trauer bemächtigte sich meiner. Ich spürte all das Elende und Leid, das auf meiner Familie lag, sah vor meinem geistigen Auge die Leichenberge, die die Nazis aufgehäuft hatten. Ich schrie vor Schmerz. Mein Freund Dietrich tauchte den Finger in den gesegneten Wein, benetzte die Fotos meiner Toten und segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes. Nach dem Gottesdienst wurde ich von einem großen Frieden erfüllt. Fünf Jahre später habe ich selbst einen Gen-Test gemacht, ob auch ich Träger des verhängnisvollen Erbes bin. Noch einmal überwältigte mich große Todesangst. Dann erfuhr ich, dass ich "negativ" bin.

Nochmals einige Jahre später habe ich eine Familienaufstellung nach Bert Hellinger gemacht. Dort stellte ich nochmals meinen Großvater und all seine Kinder auf. Obwohl die Anwesenden von jenem denkwürdigen Gottesdienst nichts wussten, geschah etwas Erstaunliches: Die Stellvertreter meiner väterlichen Linie sagten einer nach dem anderen, wie gut es ihnen geht. Mein Großvater strahlte und sagte, er schaue mit großer Liebe auf mich herab. Es war offenkundig: Der Fluch war gelöst.

Ich erzähle das, um Euch zu ermutigen, auch Eure systemischen Verstrickungen anzusehen und Gott anzuvertrauen. Ich wünsche euch die Erfahrung, die in dem wunderbaren Choral "Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude" so ausgedrückt wird: "Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes die reißen entzwei. Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden, er, der Sohn Gottes, er machet recht frei. Bringet zu Ehren aus Sünden und Schande: Jesus ist kommen, nun springen die Bande."

Wir werden heute und morgen nüchtern auf die Realität unseres jeweiligen Systems blicken und die Knoten aufspüren, soweit sie sich jetzt zeigen. Niklas Tartler als systemischer Familientherapeut und ich als Theologe haben gemerkt, wie sich unsere beiden Ansätze ergänzen und befruchten. Was wir machen wollen, das ist kein Hokuspokus, sondern die einfältige und wie wir glauben wirkungsvolle Zusammenschau psychologischer Erkenntnisse und die Inanspruchnahme spiritueller Kraftquellen, die uns Gott geschenkt hat. Der Heilige Geist vermag in großer Tiefe zu lösen, was rein psychologisch zwar benannt, aber nicht immer entknotet werden kann. Ich möchte um seinen Segen beten:

"Heiliger Geist, du durchforschst alles, unsere eigene Tiefe und die Tiefe Gottes. Du weißt, welche guten und bedrohlichen Mächte auf uns und in uns wirken. Wir bitten Dich, unser Herz und unseren eigenen Geist für dein Wirken zu öffnen, damit die Heilung und Lösung geschehen kann, die uns Jesus Christus verheißen hat. Wir sollen aufatmen und frei sein, hat Jesus gesagt. Danach sehnen wir uns. Und darum bitten wir in seinem Namen. Amen."

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